Fruchtfolgen und Nachbarschaften, Monokultur versus Mischanbau

Nur im Grünland, im Obst- und Weinbau sowie in den Bauerngärten, auf die wir später kurz zu sprechen kommen, ist die Agro-Biodiversität, die landwirtschaftliche Vielfalt, größer als in unseren winzigen Black-Turtle-Beeten!
Ob im Gemüsebau oder in den Weiten der Getreideschläge, auf jedem x-beliebigen, nur noch mit schweren Maschinen bearbeitbaren Acker steht fast immer eine Art mit einer einzigen Sorte und dazwischen möglichst gar nichts, vor allem kein die maschinellen Abläufe störendes, mit der betreffenden Kultur konkurrierendes Unkraut. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: Schaut man sich beispielsweise ökologisch bewirtschaftete Flächen an, kann man oft schon von weitem erkennen, dass farblich gut unterscheidbare Salate in streifenförmigen Abschnitten der überschaubaren Felder stehen, dass bei jedem Wind und Wetter noch viel von Hand gearbeitet wird und dass sich hie und da auf den Äckern auch mal ein paar vorwitzige Unkräuter zeigen. 

"Gurkenflieger" im Spreewald

©Thomas Gladis 

Wenn wir die fast planen Niederungen mit ihren fruchtbaren Löss- und fetten Bördeböden oder den kargen Sanden verlassen und uns ins Hügel- oder gar ins Bergland begeben, steigt nicht nur das Gefälle. Die Felder mit ihren leicht geneigten Flächen werden immer kleiner; ebenso muss sich die Größe der einsetzbaren Agrartechnik den schwieriger werdenden Bedingungen anpassen. Trotz aller Sorgfalt bei der Bearbeitung werden die Nährstoffe hangabwärts ausgewaschen. Deutlich ist zu erkennen, dass angrenzende Hecken und Gehölze mit den Kulturen um Licht, Nährstoffe und Wasser konkurrieren. Dafür gedeihen hier die Unkräuter besonders üppig. Wir sind im Bereich der Grenzertragsböden, die nicht selten aus Gründen der Wirtschaftlichkeit aufgelassen, als Weiden umgenutzt oder aufgeforstet werden. Schließlich lösen Terrassen das uniforme Landschaftsbild der Ebenen gänzlich ab. Reben und Obst sorgen für noch mehr Abwechslung.

Im Großen und Ganzen haben wir es jedoch auf all diesen landwirtschaftlich genutzten Flächen und sogar bei den Forsten meist mit Monokulturen zu tun, die gleichzeitig gesät bzw. gepflanzt, gepflegt und geerntet bzw. gerodet werden. Sie räumen den Acker zu bestimmten Zeiten komplett und geben ihn unverzüglich für die nächste Bestellung frei. Die Bodenbearbeitung, aber auch der Zeitpunkt und die Wahl der nächsten Kultur haben entscheidenden Einfluss auf den Erfolg des Anbaus: Weizen nach Weizen und nochmals Weizen oder Kartoffeln vor und nach Kartoffeln – das Ergebnis wird immer magerer, die Pflanzenkrankheiten mehren sich, und die Schädlinge nehmen schließlich überhand. Roggen hingegen kann jahrzehntelang mit ein und derselben Sorte auf einer Fläche stehen, ohne dass es zu Ertragseinbußen kommt. Fruchtfolge heißt das Zauberwort, wenn eine Selbstunverträglichkeit bekannt ist und diese erst nach einem oder nach mehreren Jahren Anbaupause überwunden werden kann. Unterschiedliche Ansprüche stellende, unter sehr verschiedenen Krankheiten und Schädlingen leidende Arten und solche, deren Nährstoffbedarf ihre Einteilung in Stark-, Mittel- oder Schwachzehrer zulässt, wechseln einander im Anbau ab. Oft gehören sie sogar unterschiedlichen Pflanzenfamilien an: je weniger miteinander verwandt sie sind, desto besser. 

Beispiel für eine Mischkultur in weiter Fruchtfolge

©Thomas Gladis

Bei engen Fruchtfolgen „rotieren“ wenige Arten, bei weiten sind es viele, und es dauert etliche Jahre, bis die gleiche Kultur wieder auf derselben Fläche erscheint. Die Wissenschaft hat längst noch nicht alle Zusammenhänge geklärt und erst ansatzweise erforscht, was Landwirte und Gärtner in 10.000 Jahren Agri-Kultur an Erfahrungswissen gesammelt, immer wieder auf den Prüfstand gestellt und verfeinert haben. Die Empfehlungen können zudem äußerst widersprüchlich sein, weil das Bild nicht nur von der Artenebene bestimmt wird, sondern weil sich auch darunter, auf der Sortenebene, wesentliche Unterschiede bemerkbar machen. Hinzu kommen die Bodeneigenschaften, die Höhenlage, die Düngung, die Wasserversorgung, das Klima, die Lichtverhältnisse, spezifische Saat-Termine, die Einflüsse der Wirtschaftsweise und vieles mehr.

Schon im 19. Jahrhundert wussten die Förster: „Willst du einen Wald vernichten, pflanze nichts als Fichten, Fichten“. Dabei ist Fichte durchaus nicht gleich Fichte! Je nachdem, aus welcher Höhenlage sie stammt und welche Wind- bzw. Schneelast sie erträgt, wählt man beispielsweise zwischen Kamm , Bürsten- und Plattenfichten oder aus den Übergangstypen der jeweiligen Region. Unterschiedliche Wuchsformen und Verzweigungstypen gibt es bei allen Baumarten. Längst werden im Forstbetrieb nur noch auf Wuchsleistung = Ertrag, Gesundheit und Stresstoleranz ausgelesene bzw. züchterisch bearbeitete Gehölze gepflanzt. Gegenüber puren Fichten- oder Kiefernforsten sind reine Buchenwälder zwar weniger wirtschaftlich, dafür aber recht stabil. Sie waren es zumindest noch vor wenigen Jahrzehnten, bevor der Klimawandel einsetzte.

Alter Buchenbestand am Stadtrand von Wiesbaden

©Thomas Gladis

Doch gehört nicht bereits das seit den 1980er Jahren beobachtete „neuartige Waldsterben“ zu den Auswirkungen? Heute setzt man im Forst verstärkt auf Mischwälder und verfolgt die eher missliebigen „invasiven Neophyten“ unter den Gehölzen – das sind einwandernde fremdländische Baumarten – weniger mit Axt und Säge als mit aufmerksamen Blicken. Das geschieht offenbar in der Hoffnung, auf diese Weise für den Umbau der Wälder geeignete Arten ausfindig machen zu können. Über die Alternative, ggf. den Verlust der Wälder binnen weniger Jahrzehnte hinnehmen zu müssen, denken wir lieber gar nicht erst nach.

Früh haben die Forstwirte erkannt, dass große Kahlschläge zu schweren Erosionsschäden führen. Waldunterbau mit später ins Ertragsalter kommenden Baumarten, der Mischanbau lichtliebender und schattenertragender Arten bis hin zur Plenterwirtschaft sind einige technische Möglichkeiten, diese Gefahr zu minimieren. Komplementär zur Ausstattung mit standortgerechter Technik und der Auswahl für Boden und Klima geeigneter Arten wird also auf die Pflanzung von für den betreffenden Standort geeigneten, angepassten Formen geachtet oder konsequent auf Naturverjüngung gesetzt.

Berliner Kiefernforst mit spontanem Eiben-Unterwuchs

©Thomas Gladis

Wäre es jetzt nicht auch für die Landwirtschaft angebracht, von den gigantischen, sich immer weiter ausdehnenden Monokulturen abzukommen und über großflächig zu betreibende Mischkulturen nachzudenken? Wird in einem Feldbestand nur jede zweite, dritte oder besser noch erst jede vierte oder fünfte Reihe bzw. nicht zwischen benachbarten, sondern weiter entfernten Fahrspuren gerodet, gehackt und neu eingesät oder gepflanzt, müsste man die Arbeitsgeschwindigkeit wahrscheinlich deutlich verringern. Doch auch bei zügiger Fahrt würden die gut durchwurzelten, dicht bewachsenen Nachbarreihen bzw. nicht unmittelbar benachbarten Streifen den lästigen, aber fruchtbaren Staub abfangen. Derzeit trägt der Wind ihn fort, nachdem ihn überdimensionierte Maschinen kraftvoll aufgeworfen haben. Überschüssiges Regenwasser, das sonst abfließen oder gleich wieder verdunsten würde, nähmen die bereits zwischen den Fahrspuren wachsenden Kulturen ebenfalls auf.

Fruchtfolge Vor- und Nachfrucht

©Thomas Gladis

Mischkultur - Verträglichkeit der Nachbarn

©Thomas Gladis

Damit sind wir bei einem nächsten wichtigen Punkt angekommen, der guten und der weniger guten Nachbarschaft, die Pflanzen miteinander eingehen. Wie in der zeitlichen Abfolge, der Fruchtfolge, so gibt es auch in der unmittelbaren Nachbarschaft Kombinationen, die sich gegenseitig fördern, behindern oder neutral zueinander verhalten. In Bauerngärten, den vielleicht schönsten, buntesten, aber auch arbeitsintensivsten Agrarstandorten, finden wir auf engstem Raum nahezu alles harmonisch in Mischkultur beieinander, was im Haushalt häufig gebraucht wird und obendrein, was das Auge erfreut. Diese eng verzahnte Vielfalt eröffnet zahllose Nutzungsoptionen für Gemüse, Heil-, Würz- und Zierpflanzen. Sie bringt fast ganzjährig Kräuter als Gewürze, für Tees und Blüten in Hülle und Fülle hervor. Abgesehen vom Wegekreuz sind die Beetstrukturen variabel gehalten. Was gesät und gepflanzt wird, was dauerhaft dort stehen darf, orientiert sich am Bedarf. Wie kann man diese spezielle Mischkultur in großflächige landwirtschaftliche Praxis übersetzen, sie skalieren?

Gäbe es sie nicht bereits seit langem, müsste die Agroforstwirtschaft neu erfunden werden. Der Schichtung naturnaher Wälder nachempfunden, bilden die hier auf einer Fläche kultivierten Pflanzen mindestens zwei, idealerweise drei Ebenen: eine Kraut, eine Strauch- und eine Baumschicht. Selbst eine Kombination mit Tierhaltung ist möglich. Entstanden sind diese sehr vielgestaltigen Anbausysteme in den Tropen. Die Sonneneinstrahlung ist dort viel intensiver als in unseren Breiten. Die Blätter und jungen Triebe zahlreicher Kulturpflanzen erleiden unter freiem Himmel Verbrennungen. Außerdem dörrt der seiner Pflanzendecke beraubte Boden schnell aus, erodiert leicht und verliert seine Fruchtbarkeit. Schnell haben die Menschen gelernt, nutzbringende Schattenbäume bei Rodungen stehen zu lassen und neue nachzupflanzen. Diese Technik wurde selbst von den Plantagenbesitzern beibehalten und perfektioniert, als sie z.B. ihre ausgedehnten Kaffee- und Kakao-Pflanzungen anlegten. Werthölzer gedeihen im weiten Stand viel besser und wachsen schneller als dicht gedrängt im Urwald. Sie sind leichter zugänglich, können von unerwünschten Schlingpflanzen befreit und später einzeln entnommen werden, ohne benachbarte Bäume oder die Unterkulturen zu beschädigen.

Wer in den Tropen als Selbstversorger lebt und einen Garten bewirtschaftet, handelt nach ähnlichen, seit Menschengedenken angewendeten Prinzipien. Wissenschaftlich beschrieben sind beispielsweise die kubanischen „conucos“, in denen alle vorgenannten Elemente zu finden sind. In Südost-Asien, beispielsweise in Vietnam, finden sich sehr ähnliche Bilder, wenn auch mit überwiegend anderen Pflanzen- und Tierarten. In Süd-Europa stehen unter schattenspendenden Bäumen Sträucher und Beete mit Gemüsen und Kräutern, beispielsweise in Italien. Wie sieht es damit nun in Deutschland aus, vor unserer eigenen Haustür? In Privatgärten nimmt der Anbau von Kulturpflanzen wieder zu. In den Kleingartenanlagen hat er immer stattgefunden, ist z.B. in den Berliner „Verwaltungsvorschriften über Dauerkleingärten und Kleingärten auf landeseigenen Grundstücken“ sogar vorgeschrieben. Obstbäume, Beerensträucher und Gemüse werden hier explizit erwähnt. Tierhaltung findet oft ebenfalls Raum. Der Bedarf an Produkten aus eigener Erzeugung gibt die Gliederung der Gärten vor. Schnell merkt man, dass die Sträucher und Gemüsepflanzen unter Obstbäumen nur gedeihen, wenn diese stark beschnitten werden, nicht in den Himmel wachsen dürfen. Hier sind das Licht, die Pflegeintensität, die persönlichen Vorlieben und zunehmend auch das Wasser die über den Erfolg entscheidenden Faktoren. Wie auch immer die individuelle Gestaltung der Beete erfolgt, die kleinräumigen Strukturen und unterschiedlichen Bearbeitungszeiten, der stete Wechsel intensiv und extensiv genutzter Bereiche, dies alles ermöglicht zahlreichen Tier- und Pflanzenarten das Überleben. In den ewig mit Monokulturen überzogenen Agrarsteppen sind sie längst ausgestorben. 

Blick in eine Bonner Kleingartenanlage

©Thomas Gladis

Die Agroforestry hat viele Facetten. Gegenwärtig erlebt sie eine Renaissance bei der Anpflanzung von Pappel-Heistern. Die sollen z.B. auf den armen Brandenburger Sandböden den Wind brechen und versprechen nach wenigen Jahren sowohl eine Nutzung der Häcksel zur Bodenverbesserung als auch der Biomasse zur Energiegewinnung. Schon vor Jahrzehnten wurden auf diesen Böden vielerorts Pappelkulturen angelegt, deren Verwertung als Nutzholz allerdings unrentabel war und die hinsichtlich der Biodiversität anderen Monokulturen an Eintönigkeit in nichts nachstanden.  

So anziehend ökologisch vielgestaltige Landschaftsbilder und Landnutzungssysteme auf Mensch und Tier wirken, sobald die vielen nur in kleineren Mengen verfügbaren Produkte nicht nur der Selbstversorgung dienen, sondern verarbeitet und vermarktet werden sollen, wird eine naturverträgliche Wirtschaftsweise schnell ökonomisch unrentabel. Rationalisierer finden sofort Ansatzpunkte für ihren Rotstift und arbeiten Möglichkeiten der Spezialisierung heraus – möglichst mit der Aussicht auf Alleinstellungsmerkmale für den betreffenden Betrieb, der nach dieser Logik immer weiter zu wachsen hat oder schließlich seinen Mitbewerbern weichen muss, von einem der Konkurrenten geschluckt wird

Endstation Monokultur, hier bewässerter Raps im Westen von Kanada

©Thomas Gladis

Die Agroforestry hat viele Facetten. Gegenwärtig erlebt sie eine Renaissance bei der Anpflanzung von Pappel-Heistern. Die sollen z.B. auf den armen Brandenburger Sandböden den Wind brechen und versprechen nach wenigen Jahren sowohl eine Nutzung der Häcksel zur Bodenverbesserung als auch der Biomasse zur Energiegewinnung. Schon vor Jahrzehnten wurden auf diesen Böden vielerorts Pappelkulturen angelegt, deren Verwertung als Nutzholz allerdings unrentabel war und die hinsichtlich der Biodiversität anderen Monokulturen an Eintönigkeit in nichts nachstanden.  

So anziehend ökologisch vielgestaltige Landschaftsbilder und Landnutzungssysteme auf Mensch und Tier wirken, sobald die vielen nur in kleineren Mengen verfügbaren Produkte nicht nur der Selbstversorgung dienen, sondern verarbeitet und vermarktet werden sollen, wird eine naturverträgliche Wirtschaftsweise schnell ökonomisch unrentabel. Rationalisierer finden sofort Ansatzpunkte für ihren Rotstift und arbeiten Möglichkeiten der Spezialisierung heraus – möglichst mit der Aussicht auf Alleinstellungsmerkmale für den betreffenden Betrieb, der nach dieser Logik immer weiter zu wachsen hat oder schließlich seinen Mitbewerbern weichen muss, von einem der Konkurrenten geschluckt wird.

So kommt es, dass in den reichen, hoch spezialisierten Industrienationen des Nordens die Natur und die Agri-Kultur schneller verarmen als in den „Entwicklungsländern“ mit ihrer überbordenden Vielfalt. Millionen einkommensschwacher, schnell wachsender Familien können ihren Hunger und Durst nur aus ihrer eigenen Hände Arbeit stillen, sich darüber hinaus aber kaum etwas leisten, nicht einmal Saatgut zu kaufen. Natürlich träumen sie davon, an dem globalen Konsumrausch teilhaben zu dürfen, den wir ihnen vorleben. Während wir auf der Suche nach einem naturnahen, sinnerfüllten Leben als Urlauber und Gäste in ihre Sphären eindringen, erschweren wir ihnen gleichzeitig den Zugang zu unserer Welt und zu den von uns genutzten Ressourcen. Die beiden Strategien der Landbewirtschaftung stehen sich also offenbar diametral entgegen und haben strategische Auswirkungen auf die jeweilige gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Illegale Rodungen und land grabbing bedrohen die Existenz der ortsgebundenen kleinbäuerlichen Strukturen in der sogenannten Dritten Welt. Gleichzeitig lebt in den Industrienationen die Kleinst- und Subsistenzlandwirtschaft fast unbemerkt fort, im Kleingartenwesen und bei den Selbstversorgern. Im Brutto-Inlandsprodukt treten die Erzeugnisse jedoch gar nicht mehr in Erscheinung, seit Privatpersonen ihr Obst und Gemüse hierzulande nicht mehr legal verkaufen dürfen. Die Strukturen und gesetzlichen Regelungen dafür sind längst „abgewickelt“ worden. 

Wie aber kann eine großflächige Landbewirtschaftung durch Mischkulturen diversifiziert werden? Dazu müssten wir zunächst mit unserer Technik den natürlichen Gegebenheiten ein Stück entgegenkommen. Bisher praktizieren wir stattdessen konsequent das Gegenteil und scheitern damit nur deswegen nicht, weil wir den natürlichen Ressourcen wie z.B. Boden, Wasser, Luft, lebenden Tieren und Pflanzen ihre Selbstbestimmtheit, den gebührenden Respekt und die Wertschätzung vorenthalten – und weil wir nicht einmal auf uns selbst bzw. auf die Bedürfnisse und die Gesundheit unserer Mitmenschen Rücksicht nehmen. 

Dazu nur drei Beispiele:

  • Seit den 1990er Jahren dürfen im Getreidebau keine Sortenmischungen mehr angebaut werden – warum eigentlich nicht? Der Krankheits- und Schädlingsdruck ist in diversen Beständen deutlich geringer, der erforderliche Spritzmitteleinsatz ebenso. 
  • Das Getreide wird u.a. gegen Pilzerkrankungen behandelt und mehrfach gedüngt. In der Landwirtschaft und darüber hinaus gibt es aber kaum noch Verwendungsmöglichkeiten für Stroh. Halmstabilisatoren bzw. in ihrer Wirkung treffender als Halmverkürzer zu bezeichnende Substanzen bewirken, dass weniger Stroh anfällt, aber auch, dass das Getreide im Wuchs hinter den Unkräutern zurückbleibt. Hier, aber auch zur homogenen Abreife von Kartoffeln kommen dann Herbizide zum Einsatz. Wird die Ästhetik homogener Bestände durch die Umweltschäden und durch die neuartigen Krankheitsbilder aufgewogen, die sie begleiten? 
  • Normierung, Vereinheitlichung erfolgt auch durch Konflikte in Nachbarschaft: „Dein Feld sieht ja aus wie Kraut und Rüben!“ – „Ja warum denn nicht? Kohl und Bete oder Mangold vertragen sich gut miteinander, wenn du geeignete, zueinander passende Sorten wählst. Als Bio-Produkte kann ich sie nur leider nicht mehr vermarkten, seit deine Spritzmittel über meinen Acker gedriftet sind. Was war das eigentlich gestern wieder für Zeug?“  

Wir alle kennen die Bilder Aerosol- und Staubfahnen hinter sich herziehender landwirtschaftlicher Großgeräte. Kein Flurgehölz, keine Hecke verhindert den Abtrag der fruchtbaren Bodenkrume. Das den Mooren und Sümpfen vor Jahrhunderten durch Melioration mühsam abgerungene Ackerland geht nun durch Erosion, Degradation und Bebauung wieder verloren. Der Grundwasserspiegel sinkt unaufhaltsam, auch infolge der Begradigung von Bächen und der Vertiefung von Flussbetten zugunsten deren Schiffbarkeit. Niederschläge bleiben aus. Wald- und Moorbrände häufen sich. Wie lange kann eine Landnutzung auf die gegenwärtig praktizierte Weise überhaupt noch betrieben werden, ungeachtet ihrer heute schon subventionsabhängigen Wirtschaftlichkeit?

Volle Fahrt voraus: Bodenbearbeitung in Brandenburg

©Thomas Gladis

Ein Menschenleben ist viel zu kurz, um den sich langsam vollziehenden globalen Wandel bewusst zu erfassen. Wir Menschen sind außerdem viel zu sehr mit anderen Dingen und mit unseren eigenen Problemen beschäftigt, um die Komplexität der Natur in ihren Zusammenhängen wahrzunehmen, sie zu verstehen – und als Gesellschaft sind wir offenbar nach wie vor einfach zu schwach, um rechtzeitig beherzt gegenzusteuern und um verantwortungsvoll, das heißt wirklich nachhaltig zu handeln.

tg 2020-10-05

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.