Wie kann ich meine Gemüse-Pflanzen selbst vermehren?

„Bestimmte Gemüse-Sorten, die meiner Familie und mir ausgesprochen gut schmecken, die besonders attraktiv aussehen, die für spezielle Gerichte unentbehrlich sind oder an denen persönliche Erinnerungen hängen, die möchte ich im Garten und auf dem Teller einfach nicht missen, nicht verlieren. Doch was kann ich tun, wenn Jungpflanzen der betreffenden Sorten von der Gärtnerei meines Vertrauens nicht mehr angeboten werden, wenn das Saatgut im Handel nicht mehr aufzutreiben ist, wenn die Pflanzen jetzt plötzlich ganz anders aussehen und auch nicht mehr wie gewohnt schmecken?“ 

Wer sich diese Fragen stellt, mag nichts mehr dem Zufall überlassen. In solchen Fällen ist es nur leider meist einfach zu spät. Man kann dann bestenfalls noch versuchen, über staatliche oder über Liebhaber-Sammlungen an hoffentlich noch keimfähige Proben des begehrten Original-Saat- oder Pflanzgutes zu gelangen. Geht man über die staatlichen Genbanken oder die Botanischen Gärten, bleibt einem vorab das Ausfüllen eines Standard-Material Transfer Agreements (SMTA) nicht erspart. Außerdem ist meist eine Gebühr zu entrichten und sind weitere Auflagen mit dem Empfang der Sendung verbunden. Liebhabergesellschaften, Vereine, Privatpersonen und auf genau diese Marktlücke spezialisierte Händler bieten für wenig Geld einen vergleichbaren, weniger bürokratischen Service. So oder so kommt man nicht umhin, aktiv zu werden, sich selbst mit der Thematik auseinanderzusetzen – für den künftigen Bedarf und um sicher zu gehen, dass einem die betreffende Sorte nicht noch einmal abhandenkommt. Selten bleibt es dann bei der einen Lieblingssorte, und erst beim Vergleich mehrerer Sorten und Herkünfte erschließt sich einem die Komplexität dieses neuen Hobbies, das regelrecht süchtig machen kann.  

Nur wenige Gemüse werden sortenrein über die Teilung von Pflanzen (z.B. Rhabarber, Yacón), über Ausläufer, Knollen, Rhizome, Stecklinge (u.a. Estragon, Ewiger Kohl, Ingwer, Kartoffel, Knollen-Sauerklee, Topinambur) bzw. Teil- oder Brutzwiebeln vermehrt (Etagen-, Perl-, Winterhecke-Zwiebel, Knoblauch, Schalotte), also vegetativ. Die „Nachkommen“ sind dann mit der „Mutterpflanze“ so lange identisch, wie sie gesund bleiben und keine Abbauerscheinungen zeigen. Vor allem Kartoffel und Knoblauch sind leider sehr anfällig dafür.
Von den meisten Gemüse-Sorten ist jedoch Saatgut verfügbar, d.h. sie werden generativ, über Samen vermehrt: Aubergine, Bete und Mangold, Blumenkohl, Endivie, Möhre, Kohlrübe, Kresse, Paprika, Radieschen und Rettich, Salat, Schwarzwurzel, Spinat, Tomate, Zichorien, Zuckermais... 

Sowohl bei der vegetativen als auch bei der generativen Vermehrung gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Geeignete Überwinterungsmethoden bei Zwei- und Mehrjährigen – die bei einjährigen Arten entfallen – entscheiden ebenso über den Erfolg wie die Auswahl, die Selektion der Elternpflanzen für die kommende Generation und die Kenntnis der Befruchtungsverhältnisse. Diese Zusammenhänge werden insbesondere von der professionellen Pflanzenzüchtung berücksichtigt und in Kreuzungsprogrammen wie der Hybridzüchtung intensiv bearbeitet. Da wir uns ja „nur“ für alte, über Saatgut vermehrbare Sorten interessieren, haben wir es ausschließlich mit samenfesten oder samenechten Sorten zu tun. Hybriden zählen nicht dazu.
Grundsätzlich, aber stark vereinfachend, unterscheiden wir zwischen Selbst- und Fremdbefruchtern: Bei den Selbstbefruchtern genügt im Prinzip eine repräsentative Einzelpflanze, um die Sorte zu erhalten. Blühen in der Nachbarschaft andere Sorten der gleichen Pflanzenart ab, kann es zu unbeabsichtigten Kreuzungen kommen, die man aber erst beim Nachbau der Sorte erkennen kann. Insofern empfiehlt sich eine sorgfältige Dokumentation aller Merkmale der Ausgangssorte während ihrer gesamten Entwicklung, um diese nicht durch ungewollte Bastardierung zu verlieren – es sei denn, dass in der Nachkommenschaft interessante Neukombinationen von Merkmalen auftreten, die einen Pflanzenzüchter beflügeln könnten, sie zu stabilisieren und so daraus eine neue Sorte zu entwickeln. Beispiele für typische Selbstbefruchter sind Erbse, Gartenbohne, Salat, Tomate und Paprika. Wer sicher sein möchte, dass sich keine Kreuzungen mit Nachbarpflanzen ereignen, muss die Blüten bzw. Blütenstände mit einem feinen (z.B. Tee-)Beutel oder Vlies isolieren und anschließend mit einem farbigen Bändchen markieren, um nur von dieser Frucht bzw. von dieser Pflanze das Saatgut zu ernten. Bei der Reife der Früchte und Samen ist stets auf weitere Interessenten zu achten: Vögel und Nager können die ganze Arbeit in kürzester Zeit zunichtemachen. 

Bei den Fremdbefruchtern ist der Frucht- und Samenansatz gering oder entfällt komplett, wenn man nur eine Pflanze der betreffenden Art hat und auch in der Nachbarschaft kein Kreuzungspartner gleichzeitig abblüht. Wenn in der Umgebung nahe verwandte Wildvorkommen oder andere Sorten der gleichen Art existieren, müssen die dem erwünschten Sortentyp entsprechenden Pflanzen unter einem gemeinsamen, feinmaschigen Netz abblühen und womöglich noch mit geeigneten, frisch geschlüpften Insekten oder mühevoll von Hand bestäubt werden. Das ist u.a. bei der Mohrrübe der Fall. Doch der Reihe nach: Die schönsten, möglichst einheitlich geformten und gefärbten Exemplare (Profis kosten ein Stück und verschließen die Wunde wieder) wandern nach der Ernte im Herbst nicht ins Lager oder in den Kochtopf, sondern werden sorgsam in handfeuchtem Sand oder Kies frostfrei überwintert, ehe sie im Frühjahr zur freien Abblüte neu aufgepflanzt werden. Locker an stabile Stäbe gebunden, brechen die empfindlichen Seitentriebe nicht so leicht. Vergisst man, das Vlies rechtzeitig über die Blühgruppe zu spannen, finden sich außer den allgegenwärtigen Ameisen vielerlei Fliegen, Käfer und Wespen auf den Blütendolden ein, die zuvor auf den überall blühenden Wildmöhren gesessen und in ihrem Haarkleid deren Pollen mitgebracht haben. Aus Sicht der Möhren tun sie ihnen nur Gutes, erhöhen sie doch die Vielfalt durch die Möglichkeit völlig neuer Merkmalskombinationen. Insofern kommen bei der Samenbildung auch die sortenfremden Pollen vorrangig zum Zuge. Leider gehen dann aber eben die uns Menschen so wichtigen Kulturmerkmale verloren: Die Nachkommenschaft ist zwar aromatisch, aber weiß, verzweigt, zäh oder gar holzig… Weitere, von Insekten bestäubte fremdbefruchtende Gemüse sind Basilikum, Endivie, Feuerbohne, Fenchel, Gemüse-Kohl, Gurke, Haferwurz, Kresse, Kürbis, Pastinak, Porree, Radies und Rettich, Schwarzwurzel, Sellerie, Shiso, Stoppel- oder Herbstrübe, Zichorie und Zwiebel. Hauptsächlich vom Wind übertragen werden die Pollen von Beten und Mangold, Spinat und Zuckermais, doch der aufmerksame Beobachter wird auch an den Blütenständen dieser Pflanzen Pollen sammelnde oder fressende Insekten antreffen, die nebenher außerdem selbst oder gemeinsam mit ihren zahlreichen Nachkommen die üppig gedeihenden Blattlauskolonien dezimieren – wie z.B. Marienkäfer. Bei den Flor- und den Schwebfliegen leben nur die Larvenstadien räuberisch.

Für den Anfang ist es am einfachsten, mit einjährigen Arten zu beginnen, weil bei diesen die Überwinterung entfällt. Bei Selbstbefruchtern kann man auf die Isolierung verzichten. Idealerweise wählt man Gemüse, bei denen man normalerweise die reifen Früchte mit den Samen (Tomate) oder ohne sie (Kürbis, Paprika) verzehrt. Hier ist es leicht, auch den Geschmack zu beurteilen. Bei den Salaten muss man sich entscheiden: aufessen oder abblühen lassen? Die schossenden Pflanzen brauchen bei der Abblüte und Fruchtreife deutlich mehr Platz und Pflege: Sie müssen basal entblättert, angestäbt und vor Niederschlägen, aber auch vor Schimmelbildung geschützt werden. Von den Fremdbefruchtern sind Basilikum und Shiso für den Anfänger empfehlenswert und lohnend. Einige der Blätter werden entweder vorsichtig geerntet, um ihr Aroma zu bewerten oder auch komplett an den „schönsten“ Pflanzen belassen, die ja dann blühen und fruchten sollen. Diese Bonitur oder Bewertung ist schwerer als gedacht, denn schon für uns kaum wahrnehmbare Standortunterschiede, ein bisschen mehr Schatten, etwas mehr Wasser, die Tageszeit, die Lagerbedingungen und die Dauer der Aufbewahrung vor dem Verzehr haben neben der genetischen Konstellation Einfluss auf die Synthese der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe. In dem Falle nehmen wir sie als sortenspezifische, leider sehr flüchtige Aromen wahr und schätzen sie so hoch, dass wir die Mühen der Kultur dieses Würzkrautes nur zu gern auf uns nehmen. Während das Basilikum recht zeitig zu blühen beginnt und bis zu den Frösten immer weiter Blütentriebe treibt, beginnt Shiso erst mit den kürzer werdenden Tagen damit, Blüten auszubilden. Bei Basilikum reift das Saatgut folgernd und kann partieweise gesammelt werden, sobald sich die Körner braun färben. Shiso-Saat reift nach der Blüte viel schneller und fällt auch leichter aus. Damit das Saatgut nicht komplett verloren geht, empfiehlt es sich, die ganze Pflanze abzuschneiden, sobald die ersten Körner ausgereift sind. Mit dem Wurzelansatz nach oben über Zeitungspapier windgeschützt aufgehängt, reift es nach und kann im kommenden Jahr wieder ausgesät werden. Die Samen beider Arten sind für die heimische Tierwelt bisher wenig interessant, weshalb es kaum zu nennenswerten Verlusten kommt.

Nach der Blüte reifen auch bei den anderen Arten die Früchte und in ihnen die Samen heran. Wieder sind es alle möglichen „Schädlinge“, die die Arbeit erschweren oder zunichtemachen können: Erbsenwickler, Bohnenkäfer, saugende Insekten wie Blattläuse, Wanzen und Zikaden, die es nach Möglichkeit fern zu halten gilt, doch auch Vögel und Mäuse können reichlich Schaden anrichten. Am häufigsten sind die Schädigungen in der Milchreife, wenn die Körner bereits ihre volle Größe erreicht haben, aber noch süß und saftig sind. Stabile, nicht zu engmaschige, auch unten dicht anliegende Netze verhindern, dass sich Vögel in ihnen verfangen.

Geerntet wird das Saatgut nach Möglichkeit in der Vollreife, wenn es sich selbst von den Fruchtständen zu lösen beginnt oder leicht lösen lässt. Ideal sind dafür die Morgenstunden, wenn der auf den Pflanzen haftende Tau größere Ernteverluste vermeiden hilft. Bei folgernd reifenden Arten empfiehlt sich, Teilernten vorzunehmen, wie das beim Basilikum angedeutet wurde. Die reifen, absterbenden Triebe vorsichtig herausschneiden und auf einer Plane zur Nachreife ausbreiten. Von fast abgereiften Samenträgern können auch die gesamten Pflanzen wie bei Shiso beschrieben gebündelt und zum Nachreifen aufgehängt werden. In jedem Fall den Art- und Sortennamen notieren, auch das Erntedatum, mindestens aber das Erntejahr auf dem Etikett vermerken.

Gedroschen wird erst in der sogenannten Totreife, wenn die Pflanzenteile komplett abgestorben sind. Dafür die trockenen Samenträger über einer Schubkarre oder großen Wanne vorsichtig ausreiben und mit nicht zu scharfkantigen Geräten ausdreschen (z.B. Schuhlöffel, mit Stoff umwickelte Stöcke). Mitunter ist es einfacher, stabile Säcke oder alte Bettbezüge mit dem Erntegut zu füllen, auf denen man dann „ein Tänzchen“ aufführen kann. Empfindliche Samen wie die der Hülsenfrüchte (vor allem Bohne, Soja) oder Maiskörner werden händisch ausgepalt, sobald sie richtig trocken sind, die (Finger-)Nagelprobe unbeschadet überstanden haben.

Beeren-Früchte wie Tomate, Gurke und Kürbis werden natürlich nicht gedroschen, sondern unterliegen vorzugsweise der Nassreinigung. Dazu werden die voll ausgereiften Früchte quer (Tomate, Kartoffel) oder längs (Gurke) aufgeschnitten, um die Samen zu entnehmen und in klarem Wasser wenige Tage vergären zu lassen (Tomate) oder gleich in einem engmaschigen Küchensieb unter kaltem Wasser zu spülen (Gurke, Melonen). Die leichten, tauben Samen werden durch Floaten von den schweren, keimfähigen getrennt. Verletzte, fehlfarbene und angekeimte Samen sind zu verwerfen, denn bei der Rücktrocknung sterben sie ab. Getrocknet wird das Saatgut am einfachsten und schnellsten in Kaffee-Filtertüten, die man an einem halbschattigen Ort aufhängt. Aus den Tomaten wird dann wegen der sich verhakenden Samenhaare ein festes Pellet, das händisch zerrieben und anschließend wie alle anderen Sämereien der Trockenreinigung unterzogen wird: An Haushaltsgräten kommen hier Schüsseln und Teller mit flachem Rand zum Einsatz, auch die Verwendung flexibler Pappteller ist möglich. Sie erleichtern das Worfeln, die Windreinigung wesentlich. Wo es an Wind fehlt, hilft ein Fön, das geschickte Schwenken der Schüsseln oder die Drehung um die eigene Körperachse, während das vorgereinigte Erntegut von der einen gleichmäßig in die andere Schüssel rinnt, um die Körner von der Spreu zu trennen. Siebe mit unterschiedlichen Maschenweiten und Lochformen komplettieren die zur Saatgutreinigung erforderliche Ausrüstung.

Gelagert wird Saatgut am besten trocken, kühl und dunkel, natürlich wieder vor Schädlingen geschützt. Verschlossene Papiertüten oder nicht ganz fest schließende Gläser eignen sich gut; letztere insbesondere dann, wenn man einen möglichen Schädlingsbefall (Dörrobst- und Kornmotten, Samenkäfer, Mäuse) rechtzeitig bemerken möchte. Die Lagerfähigkeit bzw. Keimfähigkeit der Saaten schwankt und ist von vielen Faktoren abhängig, teils sogar vom Jahrgang. Ähnlich verhält es sich mit der Keimkraft. Bei beiden gibt es aber Näherungswerte, an denen man sich orientieren kann.

Weitere technischen Details zur Bonitur und Saatgutgewinnung bei den einzelnen Arten werden wir in den Beiträgen der nächsten Monate erörtern.  

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.