Mulchen - das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss

Die Beete sind abgeerntet. Kalt und nass fühlt sich der nackte Boden an. Ein paar Unkräuter keimen. Von Oktober bis zum Neustart der Gartensaison im März ist es noch eine lange Zeit. Man könnte versuchen, sie zu überbrücken und Wintergemüse anzubauen: Feldsalat, Spinat, Winterpostelein beispielsweise, es gäbe viele Möglichkeiten. Die Balkonkästen bieten sich aber auch für eine herbstliche oder gar schon vorweihnachtliche Dekoration an. Oder leeren wir sie einfach nur aus und verstauen sie bis zum Frühjahr im Keller?  

Wie wäre es, wenn wir der Natur – und uns selbst – ein Sabbatical gönnen, eine im besten Sinne produktive Auszeit? Die Bäume und Sträucher haben ihr herbstliches Prachtkleid längst abgelegt. An den Straßenrändern warten Laubhaufen und Laubsäcke darauf, abgeholt und entsorgt zu werden. Unsere zivilisierte menschliche Kultur ignoriert den Weg der Natur, folgt anderen Vorbildern. 

Ja, die Natur sorgt sich um frostempfindliche Wurzeln und Bodenorganismen ebenso wie um einen stabilen Wasser- und Nährstoffhaushalt. Eine dicke Laub- oder Nadelschicht schützt alles Leben vor der winterlichen Kälte und nährt obendrein die im Boden lebenden Mikroben, Pilze und Tiere. Deren Lebenstätigkeit erhöht die Bodentemperatur und hält sie auch bei strengen Frösten ziemlich stabil. Sogar Pflanzen vermögen das: Wer kennt nicht die symbolträchtigen Vorfrühlingsbilder, wenn die Schneeglöckchen und Krokusse mit ihren zarten Knospen durch den verkrusteten Schnee brechen, das Eis einfach wegtauen? 

Wenn wir mit der Natur statt gegen sie arbeiten wollen, sollten wir es ihr gleichtun, den Boden ruhen lassen und ihn mit einer dicken, schützenden Decke versehen. Dazu werden das Laub und die Nadeln möglichst vieler Baum- und Straucharten mit letztem Rasen- und Heckenschnitt vermischt und als Mulch auf die abgeräumten Beete gebracht, kniehoch, wenn das möglich ist, aber nicht höher. Andernfalls fehlt direkt am Boden der lebensnotwendige Sauerstoff. Auf Essensreste, vor allem gegarte Küchenabfälle, Brot etc. verzichten wir, damit Ratten und Mäuse sich gar nicht erst häuslich einrichten.

Foto: Linda Krieg


Der Inhalt der Hochbeete ist während des Sommers durch biologische Abbauprozesse stark geschrumpft, bei frisch aufgesetzten stärker als bei älteren. Wir mulchen sie ebenfalls und decken sie mit einem Netz ab oder tragen etwas Erde auf, damit die Blätter nicht verweht werden. Wässern schadet auch nicht.

Foto: Linda Krieg


Während der kalten Jahreszeit wenden wir das Mulchmaterial mehrmals, mindestens einmal im Monat. Die bodennahen, feuchten und bereits angerotteten Bestandteile kommen an die Oberfläche, wo sie Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt sind. Die oberen, trockenen und bislang kaum angegriffenen wandern nach unten, wo es dunkel und feucht ist. So wird der gesamte Mulch bis zum Frühjahr gleichmäßig zersetzt und hat viel von seiner anfänglichen Schichtdicke eingebüßt. Die Reste lassen sich beim Umgraben leicht in den Boden einarbeiten und nähren sowohl die Bodenorganismen als auch indirekt die Pflanzen das ganze Jahr über gleichmäßig. Zusätzliche Düngung ist nicht erforderlich, und vor allem, das nicht künstlich mit Nährstoffen versorgte Gemüse schmeckt vorzüglich!

Foto: Linda Krieg


Balkonkästen und Töpfe
sind wegen ihrer geringen Größe für das Mulchen weniger geeignet. Sie werden am besten ausgeleert und im Frühjahr mit frischer Erde befüllt, die wir jetzt schon sieben und an einem vor Nässe geschützten Ort gut durchtrocknen lassen, zum Beispiel im Keller. Dadurch laufen viele der später möglicherweise die Wurzeln schädigenden Tiere davon und keimende Unkräuter vertrocknen. Etwas gesiebte Komposterde oder angerotteter Mulch darf gern zugemischt werden. 
Du hast keinen Keller? Notfalls kannst du die Erde auch auf dem Balkon lassen - wichtig ist nur, dass du sie durchtrocknen lässt und wenn möglich mit besserem Boden mischst. Vielleicht kennst du jemanden mit Garten in deiner Bekannt- oder Nachbarschaft, der dich mit guter Erde zum Mischen versorgen kann? 

Foto: Thomas Gladis

Genadeltes Herbstlaub: Artenreine Stapel, gleiche Anzahl - nur die Eichengallen fallen aus dem Rahmen.

Foto: Thomas Gladis


Wer die Laubstreuzersetzung beobachten möchte, kann einen Stapel z.B. nur Ahorn-, Eichen-, Holunder-, Linden-, Pappelblätter, ein paar frische und tote, trockene Zweige, Tannen- oder Fichtenreisig sowie ein Häufchen Lärchen- oder Kiefernnadeln jeweils mit einem Holzspieß oder einer Friedhofsnadel am Boden befestigen bzw. ein Brettchen oder einen Stein darauflegen und zunächst täglich, dann Woche für Woche nachschauen, was passiert. Ändert sich die Farbe, die Konsistenz, wovon ergreifen Pilzmyzelien am schnellsten Besitz? Am Laub welcher Arten finden sich sofort Fraßspuren, wo über einen langen Zeitraum hinweg wenige oder gar keine? Wenn man Glück hat und eine Lupe dabei, kann man die fleißigen Helfer sogar bei der Arbeit beobachten. Von wegen, der Boden ruht über den Winter! Selten im Jahr ist derart viel Aktivität festzustellen wie gerade jetzt, wo Futter und Wasser bei moderaten Temperaturen ausreichend zur Verfügung stehen, wo zahllose Bodenporen und die lockere Mulchschicht einen vielgestaltigen Lebensraum mit jeder Menge Versteckmöglichkeiten bieten und die milden Strahlen der Sonne den lichtempfindlichen Tieren keinen Schaden zufügen. Besonders im November, an trüben Tagen und bei Nieselregen lohnt ein Ausflug in die bunte Welt der Streuzersetzer immer. 

tg 2020-10-23

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.