Unkräuter in ihren regionalen Beständen: Brandenburg

Einige typische Unkräuter aus Brandenburg werden in dieser Folge vorgestellt.

Den Spitzwegerich – Plantago lanceolata L. finden wir am häufigsten auf Fettwiesen und in Parkrasen, auch an Wegrändern, wie der Name schon sagt. Er ist weniger trittfest als der verwandte Breitwegerich – Plantago major L. und dringt auch in die Äcker vor. Hier kann er sogar blühen und fruchten, wenn die Flächen nicht zu intensiv bearbeitet werden. Das junge Blattwerk wird gern als Wildsalat gesammelt. Zerrieben hilft es gegen Insektenstiche und ist daher auch Bestandteil von Salben. Kinder bekommen Spitzwegerichsaft als Hustenmittel verabreicht, und die in nach-eiszeitlichen Sedimentschichten erhalten gebliebenen Pollen dienen in der Archäologie als Hinweis auf Warmzeiten, in denen die Menschen siedelten, Ackerbau und Viehzucht betrieben. 

Spitzwegerich

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Breitwegerich

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Die Gewöhnliche Vogel-Sternmiere – Stellaria media (L.) Vill. wird verkürzt auch Vogelmiere genannt. Sie begleitet uns Menschen seit der Steinzeit und kommt heute überall in den gemäßigten Breiten der Erde vor. Von anderen, ähnlichen Sternmieren unterscheidet sie sich durch die einseitige Haarleiste, die den Wasserhaushalt der Pflanze regulieren hilft.

Vogelmiere

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Nackter Boden ist eine Provokation für die Natur. Ausbreitungs- und vermehrungsfreudige Arten wie die Vogelmiere überziehen bearbeitete Böden fast nach jedem Bearbeitungszeitpunkt schnell wieder mit einem dichten Rasen. In den abschüssigen, erosionsgefährdeten Weinbergen sieht man dieses Unkraut daher gern. Es dauert nur wenige Wochen, bis die Pflänzchen blühen und fruchten. Jede Pflanze kann bis zu 15.000 Samen ausbilden, die wegen ihrer folgernden Reife aber nur schwer einzusammeln sind. Abgebrochene Pflanzenteile bewurzeln sich rasch. Je nach den Bedingungen liegen die Triebe dem Boden flach an oder erreichen Höhen und Bestandsdichten, die eine systematische Beerntung ermöglichen. Das ist vor allem unter geschützten Bedingungen der Fall, wie sie z.B. in Gewächshäusern herrschen. Dann sind auch die Blätter größer und erleichtern eine Nutzung als salatartiges und vitaminreiches Gemüse. In China wird die Vogelmiere sogar eigens zu diesem Zweck kultiviert. Vielseitig verwendbar ist sie außerdem als Heilpflanze. Vor übermäßigem Genuss wird wegen des Saponingehaltes allerdings gewarnt.

Das Kanadische Berufkraut – Conyza canadensis (L.) Cronquist kann über einen Meter hoch werden. Im ersten Jahr bildet sich eine Rosette mit flach dem Boden anliegenden Blättern. Im zweiten Jahr schosst, blüht und fruchtet das Kraut. Stattliche Exemplare bilden dann bis zu 250.000 Samen, die als Schirmchenflieger vom Wind über große Entfernungen getragen werden. Danach stirbt die Pflanze ab. Die Art wurde im 17. Jh. aus Nordamerika eingeschleppt und gilt als eines der am schwersten bekämpfbaren Unkräuter. Frühzeitig wurden Resistenzen gegen Totalherbizide wie Glyphosat beschrieben. Gegen die eingesetzten Spritzmittel unempfindliche Gewächse können sich massenhaft vermehren, sobald die Konkurrenz ausgeschaltet ist. Das Kanadische Berufkraut steht überall, in Pflasterfugen ebenso wie auf Äckern. Agrarhistorische Museen haben ihre Not, idealtypische Flächen mit Pflanzen zu zeigen, die hier in Europa vor der Entdeckung Amerikas als Kulturpflanzen und Unkräuter auf den Feldern wuchsen, da invasive Arten wie diese sich immer wieder spontan einstellen. Der merkwürdige Name „Berufkraut“ geht auf eine Zeit zurück, in der die Menschen bösen Zauber abwenden wollten und dafür u.a. „Beschreykräuter“ verwendeten. Zeitgemäßer dürfte sein, die im Frühjahr von unbehandelten Flächen geernteten jungen, noch zarten Blätter fein zu hacken. Sie haben einen würzig-bitteren Geschmack und eignen sich mit anderen Arten gemischt gut für Kräuterbutter und Kräutersalz. 

Kanadisches Berufkraut im Rosettenstadium, gegen Ende des ersten Jahres

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Kanadisches Berufkraut in der Blüte und ebenfalls blühende Wegmalve, hier Anfang Juli vor einem Berliner Supermarkt

Foto: Thomas Gladis

Die Blätter der Wegmalve – Malva neglecta Wallr. oder Käsepappel wurden in Notzeiten roh oder gegart als Gemüse verwendet. Mit den reifen, gemahlenen Samen ließ sich außerdem das Mehl strecken. Kinder naschten die unreifen Früchte mit den ringförmig wie winzige Käsestückchen angeordneten Samen. Die Wegmalve liebt nicht zu trockene, nährstoffreiche Standorte. Um mit der Nahrung möglichst wenig Nitrat aufzunehmen, sollten Malven und andere Wildgemüse nie von stark gedüngten Flächen gesammelt werden, zumal sie dann auch weniger gut schmecken. Als Kochgemüse werden Malvenblätter schnell schleimig und können zum Andicken von Saucen und Suppen genutzt werden. Was in der mitteleuropäischen Küche gegenwärtig nicht gut ankommt, wird in der fernöstlichen seit mehr als 2.500 Jahren hoch geschätzt: Blätter und junge Sprosse der bis 2 m hoch werdenden Quirl-Malve – Malva verticillata L. gelten als magenschonend und sollen Geschwüren vorbeugen. Die Unterscheidung der höchstens knapp einen Meter hoch werdenden Weg- und der etwas niedriger bleibenden Kleinblütigen Malve – Malva pusilla Sm. ist im blütenlosen Zustand nicht ganz einfach.

Jungpflanze der Wegmalve, rechts am Bildrand einige Blätter vom Kleinen Storchschnabel.

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Detailaufnahme mit sehr schön zu sehendem „Käse“.

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

Der Acker-Schachtelhalm – Equisetum arvense L. wird auch als Zinnkraut bezeichnet, was sich auf eine inzwischen historische Verwendung bezieht: Mit dem trockenen Kraut wurde u.a. Zinngeschirr geputzt. Die darin enthaltenen Kieselsäurekristalle verhalfen angelaufenen Gebrauchsgegenständen zu neuem, frischem Glanz. Außerdem ist der Ackerschachtelhalm eine unglaublich vielseitig verwendbare Heilpflanze, die auch in kosmetischen Produkten enthalten ist. Um die benötigten Mengen verfügbar zu machen, gab es sogar einmal wissenschaftlich begleitete Anbauversuche in Deutschland. Jauchen, Kaltwasserauszüge und Tees aus dieser Pflanze sind Gärtnern und Landwirten als Mittel zur Stärkung ihrer Pflanzen und zur Vorbeugung von Pilz- und Schädlingsbefall seit langem bekannt. In Japan verwendet man die jungen Triebe als Gemüse. Der Ackerschachtelhalm gehört wie die Farne zu den Sporenpflanzen, bildet also keine Samen aus. Die Sporangien stehen am Ende aufrechter, chlorophyllfreier und daher bräunlicher, unverzweigter Triebe, die vor den sterilen grünen Trieben erscheinen und bald nach dem Ausstäuben vergehen. Das grüne, aufrecht stehende oder dem Boden anliegende sterile Kraut kann bis 50 cm hoch bzw. lang werden und ist gleichmäßig quirlig verzweigt. Unterirdisch kriechende Rhizome sorgen für die vegetative Verbreitung. Kurze Seitentriebe der Rhizome verdicken sich gegen Ende der Vegetationsperiode zu stärkereichen Knöllchen, aus denen die Pflanze im Frühjahr wieder austreibt: zunächst wie oben erwähnt die fertilen, sodann die sterilen Sprosse. Der Ackerschachtelhalm ist ein schwer bekämpfbares Unkraut, das bis 1,5 m tief im Boden wurzeln kann. Verwechslungsmöglichkeiten bestehen mit dem sehr giftigen Sumpf-Schachtelhalm oder Duwock – Equisetum palustre L., bei dem die fertilen und die sterilen Sprosse grün sind und gleichzeitig erscheinen.

Acker-Schachtelhalm, hier dem Boden anliegende sterile Sprosse.

Foto: Irene Knöchel-Schiffer

tg 2020-10-21

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.