Gemüse & Klima (II)
Vom Wandel unserer Ernährungsgewohnheiten und des Klimas

Die Liebe geht durch den Magen. Was essen wir Menschen nicht alles! Kein anderes Lebewesen ernährt sich nur annähernd so vielseitig wie wir und gart obendrein die meisten seiner Speisen. Dabei gibt es natürlich regionale Unterschiede, die sich aus der Verfügbarkeit der Nahrungsmittel erklären, aber ebenso gut aus Traditionen und Gewohnheiten herleiten lassen.

Ein Blick in historische und in moderne mitteleuropäische Kochbücher spiegelt beispielsweise den Wandel der Ernährungsgewohnheiten im deutschsprachigen Raum wider: Kürzere und weniger strenge Winter tragen neben der Veränderung der Arbeitswelt auch zu einer Reduktion des Kalorienbedarfs bei. Knuspriger Schweinekrustenbraten mit mehligen Kartoffeln und sämiger Sauce, Eisbein mit Sauerkraut und Erbspüree, vor allem aber Buttercremetorten sind seit den 1960ern, spätestens ab den 1970ern ziemlich out, zumindest kein Muss mehr. Wenige Jahrzehnte nach dem Kriegsende, die Hungerzeiten sind endlich überwunden, verschwindet der Appetit darauf. Seither besteht ein Trend zur leichten, an Gemüse und Abwechslung reichen mediterranen Küche, ergänzt um fernöstliche Genüsse und ursprünglich in Mittelamerika beheimatete Köstlichkeiten. Eine vegetarische oder besser noch vegane Ernährung streben immer mehr Menschen an, vor allem junge. Sie ordern dann in der Alltags-Hast und -Gedankenlosigkeit aber doch viel zu häufig nur Pommes mit Mayo.

Einerseits wird heute im Durchschnitt also deutlich weniger fett gegessen, andererseits nehmen der Fleisch- und der Zucker-Konsum ungemindert zu. Das liegt u.a. daran, dass der Unterschied zwischen dem Wochen- und dem Festtags-Speiseplan verschwimmt. Gefastet wird kaum noch. Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen und essen einfach zu viel. Dabei nehmen wir hohe Risiken für unsere Gesundheit und irreparable Umweltschäden billigend in Kauf. Gleichzeitig werfen wir leichtfertig weg, was wir momentan nicht verputzen oder benutzen können und trauen dem aufgedruckten Mindesthaltbarkeitsdatum mehr als unserer eigenen Wahrnehmung. Außerdem pochen wir auf Gewohnheitsrechte, fordern z.B. uneingeschränkte Mobilität – für uns selbst, für unsere Lebensmittel und Konsumgüter, ja sogar für den von uns produzierten Müll. Soll und wird sich diese Entwicklung fortsetzen, und welchen Einfluss hat unser gedankenloses Fehlverhalten auf das Klima? 

Mülltrennung, Energieeinsparung, Recycling & Upcycling, das alles sind hervorragend geeignete Instrumente, die Umweltbelastung zu reduzieren. Kunststoff-Verpackung nicht nur für Lebensmittel sowie lange Transportwege lassen sich vermeiden. Wer am eigenen Leibe erfahren hat, wie viel Mühe und gleichzeitig Freude es bereiten kann, Getreide, Gemüse und Obst selbst anzubauen, es dann zu verarbeiten, um es schließlich mit Familienmitgliedern, mit Freunden und guten Bekannten zu genießen, wird bestätigen: Es schmeckt nicht nur köstlich, es macht stolz, stärkt die Selbstsicherheit – und wirkt im besten Fall ansteckend: An frischer Luft gemeinsam im Garten ackernd, verzichtet man nur zu gern auf die stickig verschwitzte Muckibuden-Atmosphäre. Doch wer vermag schon noch, Gemüse-Sorten und daraus zubereitete Speisen aufzutischen, die in den einschlägigen Waren- und Wirtshäusern, in Super- und auf Wochenmärkten beim besten Willen nicht aufzutreiben sind? Wenn die „alten“ Gemüsesorten dann sogar noch selbst vermehrt werden und zur Begründung einer neuen Tradition beitragen, wenn man Freunden beim nächsten Besuch frisch geerntetes Gemüse, Kräuter und ggf. noch ein Tütchen Saatgut davon zustecken kann, entfällt die Suche nach einem ausgefallenen und doch passenden Gastgeschenk, das auch ankommt. 

Nun müssen diese und die vielen anderen guten Ideen zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag nur noch konsequent umgesetzt werden. Beim Einkauf und als Verkehrsteilnehmer mag man sich noch Selbstbeschränkungen auferlegen oder Verzicht üben. Auf eine davon ausgehende Vorbildwirkung setzen sollte jedoch nur, wer sicher sein kann, dass dieses Verhalten auch öffentlich wahrgenommen wird und Wertschätzung erfährt. Wer als Trendsetter bereits die eigene Familie hinter sich weiß, findet bestimmt auch den Mut, sich in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Gehör zu verschaffen, und Gelegenheiten, sich für den überfälligen Wandel zu engagieren.

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.