Von Kartoffel-Bonitur & Canetti-Kahlschlag

Anfang Oktober. Nun war es auch bei uns so weit, wir haben die Kartoffeln im MalzAcker-Hochbeet geerntet. Eine Pflanze ist komplett abgestorben, die andere noch etwas grün. Letztere trägt drei grüne, also noch unreife Früchte, aus denen wir später die Samen gewinnen können. Heute ging es uns ja „nur“ um die Knollen.

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Erstaunlich, dass der Boden im Hochbeet trotz des ausgiebigen Regens der vergangenen Tage nur oberflächlich feucht ist, in tieferen Schichten hingegen immer noch f-trocken. Nachdem die Kartoffeln geerntet wurden, haben wir die Erde etwas zum Rand hin geschoben, damit sich das Regenwasser in der dann tiefer liegenden Mitte sammelt und dort versickern kann.

Doch bevor wir den Knollen auf die Pelle gerückt sind, haben wir erst einmal das letzte Saatgut der ‘Black Turtle‘ geerntet und die blattlosen ‘Canetti‘-Pflanzen mit ihren nicht mehr so appetitlich aussehenden Früchten aus dem Beet genommen.

Beim Ziehen an der noch grünen Kartoffel-Pflanze kamen die meisten Knollen direkt zutage. Die rosa Schalenfarbe verweist auf ‘Centifolia‘. Bei der anderen Pflanze konnten wir die Knollen aus dem lockeren Boden leicht von Hand aufsammeln. Es ist die ‘British Queen‘. Mit der Ernte sind wir zufrieden, hatten bei der Trockenheit mit deutlich weniger gerechnet.

Wegen unseres verspäteten Erntetermins haben manche Knollen offenbar nicht recht gewusst, ob sie besser gleich erneut austreiben oder lieber den Winter abwarten sollen: Etliche trieben halbherzig aus, jedoch ohne wieder Sprosse. Blätter oder gar Blüten hervorzubringen. Sobald die Triebspitzen die Erdoberfläche durchbrachen, stellten sie ihr Wachstum ein und legten schnell noch ein paar „Noteier“, kleine Reserveknollen, ganz dicht an der mütterlichen Tochterknolle. Hier im Bild ein solches durchaus typisches Exemplar.

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Wie geht es jetzt weiter?

Natürlich brennen wir nun darauf zu erfahren, wie die selbst angebauten Kartoffeln schmecken. Je eine Knolle wird daher sogleich gewaschen und zusammen mit der beliebten ‘Linda‘ – natürlich ebenfalls aus eigenem Anbau und heutiger Ernte – als Vergleichsgrundlage dem Kochtopf überantwortet. Hier nun das Ergebnis unseres mehr oder weniger feierlichen Pellkartoffel-Testessens in trauter Dreierrunde, ohne Butter, ohne Salz, ganz spartanisch, wenn nicht gar puristisch:

British Queen‘, 1894 in Großbritannien zugelassen: Die Knolle springt beim Kochen auf, ihre Konsistenz ist weich und eher mehlig, dabei ziemlich trocken. Geschmacklich kann sie uns drei nicht gleichermaßen überzeugen, bekommt die Noten 2, 3 und 7 (von 9).

Die Knolle der im Jahr 1919 zugelassenen ‘Centifolia‘ reißt beim Garen deutlich weniger auf. Mäßig bis mittel-festes, dennoch feuchtes Fleisch kennzeichnet diese vorwiegend festkochende Sorte. Geschmacklich erhält sie einmal die 1 und zweimal die Note 2, ist ihrer Vorgängerin somit deutlich überlegen.

Nun noch zum Vergleich ‘Linda‘: Diese beliebte Sorte sollte vom Markt verschwinden, konnte sich aber erneut durchsetzen und hat daher zwei Zulassungsjahre: 1974 und 2009. Ihre Knolle platzt beim Kochen gar nicht auf. Schon ihre Konsistenz wird sehr unterschiedlich bewertet. Bei der Einschätzung der Mehligkeit und Feuchte gehen die Meinungen ebenfalls weit auseinander. Kein Wunder also, dass auch die Geschmacksnoten (einmal 1, zweimal 3) uneinheitlich ausfallen.

Wie wir wissen, sind die Geschmäcker und die Vorlieben verschieden. Von Kindheitserinnerungen und den Essgewohnheiten der Eltern geprägt, durch das Kantinenessen geläutert, in mehr oder minder häufigen Restaurantbesuchen geschult, wenn nicht verwöhnt und durch Fernseh-Kochshows mindestens optisch und akustisch inspiriert, haben es auch die Selbstwahrnehmung und die Bewertung der eigenen Kochkünste durch unsere Lieben in sich: „Nehmt doch noch nach – oder hat es Euch nicht geschmeckt?“ „Doch, danke, Papa, war ausgezeichnet. Müssen wir aber nicht ins Programm aufnehmen, oder? Kocht Mama morgen?“

Sogar die Bewertungsmethoden haben es in sich. Nicht von ungefähr sind es ausgebildete Personen, die nach standardisierten Methoden, ungestört und streng voneinander isoliert seitenlange Boniturbögen mit allen erdenklichen Merkmalen ausfüllen. Das ist schon harte Arbeit, wirklich nur etwas für Profis. Für den Hausgebrauch sollte es uns reichen, wenn wir uns auf die wesentlichen Eigenschaften konzentrieren und möglichst immer mehrere Sorten parallel verkosten, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben. Solche Übungen können und sollten wir mehrfach wiederholen: Einerseits, um unsere eigene bewusste Wahrnehmung zu schulen und andererseits, um uns wieder daran zu gewöhnen, dass die Nahrungsaufnahme keine möglichst schnell zu erledigende Nebentätigkeit ist und nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit.

Die Kocheigenschaften sind nur das eine. Lassen sich die Knollen gut pellen? Duften die Sorten unterschiedlich? Der Gehalt an giftigem Solanin kann einen kratzigen, bitteren Beigeschmack bewirken, wenn die rohen Knollen vor dem Genuss längere Zeit dem Tageslicht ausgesetzt waren. Konsistenz, Mehligkeit, Feuchte und Struktur der Kartoffel haben Einfluss auf das Mundgefühl, Duft und Aromen auf den Geschmack. Doch Augen und Ohren essen bekanntlich mit: die Art der Darbietung, eine unruhige Umgebung oder ein festliches Ambiente, Farbe und Glanz der Kartoffeln regen den Appetit an – oder eben auch nicht.

Insofern betrachten wir unseren kleinen Test auch nur als vorbereitende Übung für eine Verkostung in größerer Runde. Wir sind richtig gespannt, ob die Bewertungen dann vielleicht ganz anders ausfallen werden.

 

Thomas