Von Fuchschwanzgewächsen, braunen Radieschen und wandernden Kulturpflanzen


Die Geschichte der Menschheit ist mit der Geschichte der Kulturpflanzen eng verwoben. Mit der Neolithischen Revolution fand eine konsequente Umwälzung der Lebensbereiche statt; in dem Prozess der sich über Jahrtausende hinzog, schritt die Domestizierung der Pflanzen stets voran. Mehr dazu kannst Du in unserer Reihe „Agri- und Horticultura: von den Anfängen bis zur Gegenwart“ nachlesen.

In diesem Beitrag wollen wir uns die Geschichte von Spinat und Radieschen anschauen sowie den Begriff “genetische Vielfalt” näher beleuchten.

 

 
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Der Spinat (Spinacia oleracea)

Die Vorfahren des heute bekannten Blatt-Spinates kommen vermutlich aus Zentralasien, dem Gebiet des heutigen Irans und Turkmenistans. Es wird angenommen, dass das wohlschmeckende Blattgemüse im 8. Jahrhundert seinen Weg nach Spanien fand. 

Im 13. Jahrhundert schrieb der Dominikanermönch und Pflanzenkenner Albertus Magnus (1200-1280) über das beliebte Gemüse aus der Familie der Fuchschwanzgewächse, dass es als Gemüse die Melde (Artiplex) übertreffe. Diese wurde bisher häufig als Blattgemüse in der heimischen Küche verkocht.  Ob der Spinat um die Zeit in Deutschland schon angebaut wurde, ist allerdings unklar.  Für das 16. Jahrhundert gibt es allerdings eine ganze Reihe von Nachweisen dafür, dass der Spinat in Deutschland angebaut und verwendet wurde.

Es existieren etwa 50 Kultursorten - für jeden Geschmack ist etwas dabei. Jedoch nicht nur das Saatgut, auch der Geschmack hat sich ebenfalls im Laufe der Züchtungszeit vielfältig verändert; ältere Sorten haben spitze, gehörnte Früchtchen, die neueren Sorten besitzen rundliche Früchte ohne Spitzen. In Deinem neuen Saatgutset kannst Du die Unterschiede ganz genau beobachten. Und ein kleines Rätsel bekommst Du mit zum Saatgut dazu - die Auflösung findest Du in naher Zukunft dann an dieser Stelle.


Das Radieschen (Raphanus sativus var. sativus)

Bei dem Radieschen ist nicht eindeutig geklärt, woher die Vorfahren kommen. Wilde Formen wurden sowohl in China als auch in Vorderasien gefunden. Es wird vermutet, dass die dicke Sproßknolle in Europa keine sonderlich lange Tradition hat: „erst“ ab dem 16. Jahrhundert taucht sie in Geschichtsbüchern auf. Wilde Formen wurden sowohl in China als auch in Vorderasien gefunden. Die mild-scharfen Knöllchen etablierten sich dann langsam in der französischen Küche. Heute werden radieschen weltweit angebaut und zwar ausschließlich Sorten mit der mit der leuchtend roten Schale. Früher ebenfalls übliche Sorten mit grauer oder gelb-brauner Sorte konnten sich dagegen nicht halten. 

Genetische Vielfalt

Die Vielfalt innerhalb einer Art wird genetische Vielfalt genannt und ist eine der drei Komponenten der biologischen Vielfalt (Biodiversität).  Die anderen Komponenten sind Artenvielfalt und Vielfalt der Lebensräume oder Ökosysteme. Diese drei Komponenten  oder Ebenen bedingen sich gegenseitig und sind somit stark miteinander verknüpft. Mehr zu Artenvielfalt und Ökosystemen findest Du in diesem vorherigen Natur und Umwelt Post.

Die skizzierte Geschichte der zwei Kulturpflanzen gibt uns eine Idee davon, wie Kulturpflanzen in der Vergangenheit über Kontinente verbreitet wurden und die Züchtung durch Menschen sie an spezielle regionale Gegebenheiten und Vorlieben angepasst hat.

Dadurch ist eine enorme Vielfalt an Arten und Sorten entstanden. (Die Definition von Art und Sorte kannst Du hier nachlesen.) Doch diese sogenannte Agrarbiodiversität ist gefährdet; besonders in Industrieländern wie Deutschland werden nur noch wenige, wirtschaftlich besonders attraktive Kulturpflanzen angebaut. Alte Sorten finden sich nur noch sehr vereinzelt und auf kleinen, oft nicht-kommerziell genutzten Anbauflächen.

Schätzungen zufolge beläuft sich der Verlust der genetischen Vielfalt im Kulturpflanzenanbau auf 90% seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine hohe Agrarbiodiversität trägt jedoch zur Sicherung der Lebensgrundlage des Menschen auch in Zukunft bei: sie bietet einen breiten Genpool, der zur (zukünftigen) Nutzung zur Verfügung steht.

Der Anbau alter Sorten, den die gesamte Black Turtle Crew dieses Jahr gemeinsam mit Neugierde und Spaß ausprobiert, trägt also direkt zur Agrarbiodiversität bei. Wir betreiben quasi Artenschutz für Kulturpflanzen, so dass auch die nächsten Generationen eine gesunde und bunte Vielfalt in ihrem Spinat- oder Radieschenbeet erleben können.

 

Eva