Frohe Knollenkunde

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Wo andere, normale Leute Rosen ziehen, sich hinter dichten, übermannshohen Hecken, Gabionen, Mauern und Zäunen verschanzen, sich an einem sattgrünen, vom Mähroboter geschorenen Rasen erfreuen oder wo sich vor unbewohnt scheinenden Villen in Steinkanten gefasste Kieselflächen mit wenigen immergrünen, immer gleich aussehenden Koniferen dehnen, da stehen bei mir Gemüsebeete: Mais und Gurken, Möhren und Zwiebeln, Tomaten, Kürbisse, Bohnen – und natürlich eine Reihe Kartoffeln. Nicht irgendwo versteckt hinterm Haus prangt die ganze Vielfalt, nein, direkt in meinem Vorgarten, hier in Berlin.

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Von den acht Black-Turtle-Kartoffel-Sorten hatte ich im Frühjahr jeweils eine Knolle gelegt, weil ich mich nicht für lediglich zwei dieser Sorten entscheiden konnte. Ich wollte sie alle haben. Bisher lief es auch ganz ordentlich, obwohl die Blüten meiner „Dahlien“ in den Augen einiger Nachbarn ungewöhnlich klein schienen. „Das liegt sicher an der Trockenheit“, entgegnete ich. Und nun das: ‘Adretta‘ hatte trotz regelmäßiger Wassergaben schon im August kein grünes Blatt mehr. Plötzlich wurde ihr Laub gelb und vertrocknete binnen weniger Tage. Inzwischen haben sich auch die anderen sieben Pflanzen entschieden, es ihr gleich zu tun. Ungewöhnlich, dass sogar die späten Sorten bereits Anfang September abgereift sind. Vielleicht ist das der vollsonnigen Südlage geschuldet?

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Heute nun ist es so weit. Spaten und Eimer sind schnell zusammengesucht. Höchste Zeit auch, eine simple Schablone aus Pappe zu basteln, um die Größenklassen zu erfassen. Irgendwie möchte ich die Ernte aller Sorten ja vergleichen und bewerten, nicht nur wiegen. Spannend, was sich dabei ergeben sollte: Der Ertrag bei der vor allem in Ostdeutschland beliebten, mehlig kochenden ‘Adretta‘ fiel mit ganzen sechs Knollen ausgesprochen mager aus. Bei nur zwei von diesen würde beim Schälen überhaupt etwas für den Kochtopf bleiben. Als Pellkartoffeln genossen wäre es nur sehr, sehr wenig mehr. Eine der beiden größeren Knollen ist zudem stark verschorft.

Direkt daneben hatte ich der alphabetischen Reihenfolge entsprechend eine ‘Blaue Anneliese‘ in die Erde gelegt. Bei der Stückzahl erbrachte sie den zweithöchsten Ertrag, 75 Knollen – allerdings 40 davon kleiner als 2 cm im Durchmesser. Außerdem hatte diese Pflanze den meisten Platz beansprucht: Unter beiden Wegen und sogar noch in den Nachbarbeeten fanden sich wie an einer Perlschnur aufgereihte Murmeln der Sorte. Wegen der dunklen Knollenfarbe tritt der Schorfbefall kaum in Erscheinung, ist aber deutlich erkennbar.

Weiter ging es mit der ‘British Queen‘, von deren 33 Knollen alle viel dichter an der Mutterknolle lagen und mehr als 20 einen Durchmesser zwischen 3 und 7 cm erreichten. Sie zeigen nur einen geringen Schorfbefall. Die Ernte dieser Pflanze brachte den Spitzenertrag von knapp 1,5 kg auf die Waage. Alle Achtung!

‘Centifolia‘, ein klangvoller Name und eine deutlich größer sortierende Sorte: 21 Knollen, 16 davon brauchbar. Mittelstarker Schorfbefall, keine Knolle ist ganz frei davon. Gut 1 kg Gesamternte. Super!

Bei ‘Golden Wonder‘ mit ihren 24 mittelgroßen plus 11 kleinen Knollen handelt es sich rein äußerlich betrachtet nicht unbedingt um eine Schönheit. Sie hat keine so glatte, farblich ansprechende Schale wie die anderen Sorten und ist vielleicht deshalb auch kaum anfällig für Schorf. Mit deutlich über 1 kg lieferte diese Sorte den zweithöchsten Ertrag.

Wie anders hingegen ‘Heiderot‘, ein richtiger Hingucker! Wenn es in unserem kleinen Sortiment eine farblich attraktive Kartoffelsorte gibt, dann ist es diese. Sie neigt wenig zur Anfälligkeit gegen Schorf. Leider sind die meisten Knollen eher klein, nur 11 von 31 erreichten einen Durchmesser zwischen 3 und 5 cm. Im Ertrag belegt diese hübsche Sorte leider nur den vorletzten Platz.

Jetzt sind die ‘Kerkauer Kipfler‘ an der Reihe. Eine eher kleine Sortierung ist zwar bei fast allen Hörnchenkartoffeln zu erwarten – aber so etwas? 39 von den 98 Knollen sind winzig, 51 unter 3 cm schmal, ganze 8 liegen bei einer Länge von allerhöchstens 10 cm in der Breite zwischen 3 und 5 cm. Na servus, wenn dafür nicht ein außerordentlich guter Geschmack entschädigen sollte! Immerhin, schorfig sind die vielen Knöllchen kaum.

Eine letzte kommt noch, ‘Rosa Tannenzapfen‘ geheißen. Auch sie ist eine Hörnchenkartoffel, zudem nicht selten verzweigt. Knapp 1 kg bringen die 18 gesunden, augenscheinlich völlig schorffreien Knollen auf die Waage. Das finde ich durchaus akzeptabel. Die längste unverzweigte Knolle misst gut 12 cm. In der Stückzahl erscheint der Ertrag gering, doch es ist nur ein unbrauchbarer Winzling dabei.

Allen acht Black-Turtle-Sorten gemeinsam ist, dass sich in diesem Jahr trotz einiger Blüten keine einzige Beeren-Frucht entwickelt hat, aus der man über Sämlinge neue Kartoffelvielfalt generieren könnte. Das ist bei den übrigen knapp 60 Kartoffeln in meinem Garten ganz anders! Allerdings sind auch einige darunter, die deutliche Abbauerscheinungen zeigen, also nur noch wenige oder sehr kleine Knollen entwickelt haben. Hingegen lagen 18 Einzelpflanzen aus meiner „Kollektion“ im Ertrag deutlich höher als ‘British Queen‘: 8 selbst gezogene, namenlose Sämlinge (zwischen 1,9 – 3,3 kg), eine Landsorte („Rote Emma vom Vogelsberg“ mit 1,4 und 2,1 kg) sowie 7 Handelssorten: ‘Naglerner Kipfler‘ und ‘Roter Erstling ‘ (je 1,5 kg), ‘Weinviertler Mehlige‘ (1,7 kg, nur sehr große Knollen!), ‘Blaue St. Gallener (1,8 kg), ‘Malika‘ (2,8 kg) und ‘Red Salad Potato‘ (3,1 kg). Den Vogel schoss ‘Sarpo Mira‘ mit unglaublichen 5,1 kg ab, eine ungarische, für die Krautfäule kaum anfällige Sorte.

Was für ein Glück, dass sich in diesem Jahr erst spät sehr wenige Kartoffelkäfer gezeigt haben! Gefreut habe ich mich außerdem, bei der Ernte alle zuvor mit Edding beschrifteten Kunststoff-Etiketten wiedergefunden zu haben. Ein Tipp übrigens für alle Verrückten, die wie ich nie genug von der Sortenvielfalt bekommen: Gleich bei der Pflanzung mit in die Erde gelegt, taucht das Steck-Etikett bei der Ernte mit ziemlicher Sicherheit unversehrt wieder auf.

Thomas